Lutherische Kirchenmission

Bleckmarer Mission

Gibt es im Reich Gottes abschließbare Klotüren?

Missionar Hugo Gevers (links) und der Autor des Artikels, Hermann Borchers, in einem Turmfenster der Leipziger St.-Lukaskirche. Im Hintergrund der Häuserblock, in dem sich die neuen Räume der „Brücke“ befinden.

Von einer sehr ungewöhnlichen Missionsleitungssitzung berichtet Hermann Borchers (Farven), Vorsitzender des Missionskollegiums:

Nachdem wir in Leipzig-Volkmarsdorf in den Räumen der „Brücke“ getagt hatten, uns über die Arbeit von Missionar Hugo Gevers informiert, den neuen Missionsvikar Thomas Beneke in seinem Tätigkeitsfeld begrüßt und mit Pastor Markus Fischer die Lukaskirche nebenan besichtigt hatten, machten wir uns mit unseren PKWs auf zu unserem Nachtquartier.

Das Navi führte uns. Die Gegend wurde immer einsamer, die Straßen durch eine leicht hügelige Landschaft immer schmaler. Längst war es dunkel geworden. Und dann hieß es „Sie haben ihr Ziel erreicht“.
Auch die anderen Mitglieder der Missionsleitung waren bereits eingetroffen. Unser Ziel hieß Elbisbach, ein kleines Dorf mit einer Kirche, einem Gasthof, einem verfallenen Gutshaus und einer Biogasanlage. Ganz am Rande des Dorfes befindet sich in einem ehemaligen LPG-Lehrlingswohnheim heute ein Asylbewerberheim. Dort wollten wir nächtigen und am nächsten Tag unsere Klausurtagung fortsetzen.

Die Heimleiterin wies uns zwei Zimmer zu. Sie hatte sich besondere Mühe gegeben, uns die am besten hergerichteten Zimmer zu geben. Unser „Hotel“ hatte 4- und 6-Bettzimmer, die Sanitärräume befanden sich gegenüber auf dem Flur. Die Klotüren hatten keine Schlösser und eins von zwei Waschbecken war abgeschlagen. Die Dusche, es gab eine für den ganzen Flur, ließ sich auch nicht mehr verriegeln. Die Betten hingen durch. Ich schlief in dieser Nacht gefühlte zwei Stunden, denn das Fenster ließ sich nicht verdunkeln und wir hatten fast Vollmond.

Sicher, die Finanzen der Mission lassen keine großen Sprünge zu, aber das war nicht der Grund für die Quartierauswahl. Denn hier in diesem Asylbewerberheim wohnen neben Tschetschenen, Kurden, Libanesen und anderen Asylsuchenden und Verfolgten auch Perser, die Christen geworden sind und von Missionar Gevers betreut werden.

Diese Menschen hatten uns eingeladen und sie ließen es sich nicht nehmen, uns zu allen Mahlzeiten geradezu köstlich zu bewirten. Nachdem wir mit ihnen zusammen eine wunderbare Abendmahlzeit eingenommen hatten, erfuhren wir einiges über ihre Lebensumstände. So lebt z.B. unser Übersetzer Rezar Habibi seit 12 Jahren in dem Heim. Er bekommt immer nur eine kurze Duldungsverlängerung und kein Bleiberecht, er darf nicht arbeiten und den Landkreis nicht verlassen.

Schikane: Einkaufen gehen mit Kleinstgeld-Gutscheinen, die einzeln ausgefüllt und an der Kasse quittiert werden müssen.

Neben vielen kleinen Ungerechtigkeiten empfanden wir die Ausgabe von 1-, 2- und 5-Cent Einkaufs-Gutscheinen anstelle von Bargeld durch den Landkreis an die Asylbewerber als besonders schikanös: Jeder Gutschein muss vom Asylbewerber unterschrieben und beim Bezahlen an der Kasse gegengezeichnet werden. Man kann sich vorstellen, dass das jedesmal Ärger gibt.

Sachsens Ausländerbeauftragter Dr. Martin Gillo (links) und seine Begleiter waren überrascht, bei ihrem Besuch im Asylbewerberheim plötzlich der gesamten Missionsleitung gegenüberzustehen. Gillo versprach, den Fall von Rezar Habibi (Mitte) vor die Härtefallkommission zu bringen. Habibi muss schon 12 Jahre im Heim leben, obwohl normalerweise niemand länger als ein Jahr dort zubringen soll.

Am nächsten Tag ergab es sich, dass zufällig der Ausländerbeauftragte des Freistaates Sachsen zusammen mit der Vertreterin der CDU-Landtagsabgeordneten das Asylbewerberheim besuchte. Propst Johannes Rehr nutzte die Gelegenheit, sehr nachdrücklich die Missstände zu benennen: „Ich schäme mich als deutscher Bürger dafür, wie wir mit diesen Menschen umgehen“. Der Ausländerbeauftragte versprach, sich für Verbesserungen einzusetzen. Jedenfalls machte er sich einige Notizen.

Nach diesem Erlebnis feierten wir in dem Wohn-, Ess- und Schlafzimmer einer der persischen Familie einen Abendmalsgottesdienst, zum Teil in Persisch, zum Teil in Deutsch. Hugo Gevers erzählte in seiner Predigt, die von Rezar Habibi übersetzt wurde, davon, dass er so gerne einmal ein „Weltstarkoch“ (Wortschöpfung Gevers) gewesen wäre, doch sein Gericht, das er streng nach dem Rezept eines solchen Spitzenkochs briet, wurde nur eine fade schmeckende Soße. So sei es auch in unserem Leben: Oft komme nur eine fade Soße zusammen, statt eines Spitzengerichts. Doch dann sei Gevers´ Sohn Philipp in die Küche gekommen und habe ihn in den Arm genommen, zwei Teller aufgedeckt – und dann hätten sie zusammen die fade schmeckende Soße gegessen. So sei es auch mit Gott. Gott sagt: „Es geht mir gar nicht darum, dass du alles spitzenmäßig in deinem Leben meisterst, es geht mir um Dich.“
Ich hatte den Eindruck: Jedes Wort wurde von den Persern geradezu aufgesogen, so unfassbar schien diese Botschaft für sie zu sein. Und so unfassbar ist sie ja auch, nur wir „alten Christen“ haben sie schon so oft gehört, dass wir in der Gefahr stehen, sie zu überhören.
Anschließend feierten wir zusammen das heilige Abendmahl. Wir sprachen nicht die gleiche Sprache. Wir kamen aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen, wir waren reich – sie arm. Aber wir waren in diesem Moment eine Gemeinde, zusammengehalten durch das stärkste Band: Jesus Christus.

Man hätte wohl nicht gedacht, dass wir hier an diesem heruntergekommenen Ort, wo die Schlösser aus den Klotüren ausgebaut sind, im Reich Gottes sind.

 

 

Das Schicksal der persischen Christen in Deutschland war auch Thema eines Beitrages auf „Deutschlandradio Kultur“ am 22. September: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1873220/

„Die Brücke“ ist mit einer eigenen Seite im Internet vertreten: http://www.die-bruecke-leipzig.de/ und auf facebook:
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Bitte unterstützen Sie auch die Petition zur Freilassung des im Iran inhaftierten Pastors Behnam Irani: https://www.openpetition.de/petition/online/freiheit-fuer-pastor-behnam-irani

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