Lutherische Kirchenmission

Bleckmarer Mission

„Freundschaft in der Not verwandelt Wüsten in Oasen“

Aus dem Tagebuch der Arbeit unter den Flüchtlingen in Leipzig: Montag, 7. Dezember

von Missionar Hugo Gevers.

Wenn all das, was man sonst in einer Oase findet, mitten im Dschungel des Amazonas wäre, würde man die Oase nicht mehr als Oase schätzen oder gar erkennen können. Alles, was die Oase besonders macht, gibt es ja in Hülle und Fülle am Amazonas. Aber in der Wüste, wo kein Wasser und kein Baum zu sehen ist, sieht es ganz anders aus. Dort wird die Oase eine wichtige Lebensquelle für Menschen und Tiere, sodass kein Weg zu weit ist, dorthin zu gehen. Die Oase wird gar eine Quelle fürs Überleben! Für Menschen, die aus dem Krieg geflohen sind, oder Angst und Folter erlebt haben und dann auch noch den gefährlichen Weg nach Deutschland gewagt haben, ist der Traum von einer solchen Oase, die Leben spenden kann, nicht nur wichtig, sondern sie ist sogar das Ziel überhaupt.

Viele sehen Deutschland und Europa als das endgültige Ziel, wo man endlich Frieden haben darf. Und dennoch entpuppt sich der Traum von Europa für manche einen Flüchtling als Fata Morgana. Denn hier findet man so oft keinen Anschluss. Die Sprache ist die erste von vielen Hürden. Außerdem bekommen Viele nie das Recht, in Europa bleiben zu dürfen. Sie sitzen sozusagen zwischen allen Stühlen. In die Heimat können sie nicht zurück. In Deutschland wird der Asylantrag, und somit das Recht in Deutschland zu bleiben, abgelehnt. Besonders die Leipziger Flüchtlingshalle ist nicht gerade die Erfüllung aller Träume von Frieden und Harmonie. Unter Umständen herrscht auch in der Halle Angst und muss man sich fürchten. Als ich heute da war, wollten sich wieder zwei schlagen. Und das passiert nun schon fast jeden Tag. Das Misstrauen gegenüber den anderen Fremden in der Halle ist groß. Und der Fremde ist nie weit weg.

Und doch können Oasen der Liebe, der Freundschaft und das Gefühl angenommen zu sein, so einfach sein. So einfach, wie ein Topf Essen, Musik, gute Gesellschaft, Gesang und Gebet. Die St. Trinitatisgemeinde in Leipzig feierte nämlich gestern ihre jährliche Adventsfeier, wo all diese Zutaten dabei waren.

Zunächst einmal war das Projekt nicht so ganz einfach. Es fing schon bei den Räumlichkeiten an. „Die Brücke“? Viel zu klein! Und die Kirche…? Also kam Theresa Gnoyke, Kirchenvorsteherin, auf die brillante Idee, die Gemeinderäume der St. Lukaskirche für den Tag zu mieten. (Die Gemeinderäume der Lukaskirche sind einen Katzensprung von der Lukaskirche entfernt und werden noch von der Landeskirche genutzt. Deshalb stehen sie normalerweise nicht für uns zur Verfügung). Alles andere kam dann fast von allein. Die Kinder mit ihren Trommeln, 3 große Töpfe auf deutsche- und persische Weise gekocht. Und dann kam noch eine ganz besondere Tanzgruppe: Student Renatus Voigt hatte einige internationale Tanzfiguren parat, die wir alle ganz schnell lernen konnten. Spontan folgten darauf kurdische und persische Tänze (Foto). Die Freude war groß. Und all das ist passiert, was man sonst von einer Oase bekommt. Nämlich Kraft und Nahrung für den Weg. Auch dann, wenn der Weg noch sehr weit ist… Die Erinnerung und das freundliche Gesicht und ein gutes Gespräch bleiben einem noch lange im Herzen aufbewahrt und stärken die Seele. Als ich heute Morgen in der Halle war, sprachen alle mich ganz begeistert an. „Hamische heili Ali!“ (Alles war sehr gut!) sagte ein junger Mann. Dann berichtete er von seiner Traurigkeit in der Halle und erklärte mir, dass der Tag wirklich wie eine Oase war. Es war ein voller Erfolg!

Inzwischen geht der Alltag in der Halle seinen Gang. Viele werden jetzt gerade in andere Städte verteilt. Die Reise geht weiter. Ein Ehepaar hat ein besonderes schlechtes Los. Wegen eines Übersetzungsfehlers hat man die beiden nicht als Ehepaar registriert. Nun werden sie in unterschiedliche Städte verteilt. Ein dringendes Fax an die Landesdirektion und eine dringende Anfrage, die Eheurkunde aus dem Iran schicken zu lassen, wird das Problem hoffentlich lösen. Und nächste Woche kommen schon die nächsten Flüchtlinge. Wahrscheinlich kommen etwa 150 pro Tag, bis auf weiteres. „Improvisation“ wird sicherlich das Wort des Jahres für viele Menschen sein. Wenn nicht gar das Un-wort des Jahres.

(Foto: Magdalena Küttner)

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