Lutherische Kirchenmission

Bleckmarer Mission

Die Kirche – das perfekte Umfeld, sich in Deutschland zu integrieren

Aus dem Tagebuch der Arbeit unter den Flüchtlingen in Leipzig: 2. November 2015,

von Missionar Hugo Gevers.

– „Können Sie uns einige Zulu-Worte sagen? Wir lieben diese Sprache!“ – so die amüsierte kleine Gruppe Perser in der Leipziger Messehalle, als ich ihnen gerade einige deutsche Worte beibringen wollte. Wie man sieht, sind wir bereits sehr international in Leipzig und wir haben uns über den Weg der Völkerverständigung inzwischen auch gut kennengelernt. „Wie kommt es, dass Sie aus Afrika sind und eine weiße Haut haben?“ wollte eine ältere Frau von mir wissen. Ich hatte zuvor offenbart, dass mein Vater in Afrika lebt und ich ihn demnächst besuchen werde. Irgendwie tut es den neuen Europäern gut, wenn sie wissen, dass sie nicht die einzigen mit einem Migrationshintergrund sind. Vor allen Dingen hat man gleich etwas, worüber man reden kann.

Inzwischen wurden aus den ersten Bekanntschaften Freunde und aus Freunden werden bald auch Gemeindeglieder. Erst waren es 10 im Taufkurs, dann 17, dann 27 und jetzt schon über 30. Auch die Lukaskirche wird von Sonntag zu Sonntag gefüllt. Natürlich ist der deutsche Gottesdienst für die Flüchtlinge erst einmal ganz fremd. Von „Heimat“ kann man jetzt noch nicht reden. Es gibt viel zu erklären und viele Fragen zu beantworten: „Warum hat der Pfarrer so ein buntes Band um den Nacken?“ „Wer ist es, der dort auf dem Fenster abgebildet ist und seine Hände über uns hält?… Jesus, Gott..oder noch wer anders? Warum hat die Kirche so einen hohen Turm? Und warum läuten Glocken, wenn doch alle eine Armbanduhr und Handys haben?“ Und einem jungen Mann war aufgefallen, dass die Kirche stark renovierungsbedürftig ist. „Ich war zu Hause im Baubetrieb und kann die beschädigte Wand im Altarraum ganz schnell verputzen.“, sagte derselbe. Ich musste erklären, dass man in Deutschland so etwas wie Denkmalschutz hat und es ganz schwierig ist, solche Dinge zu unternehmen, die eigentlich von der Sache her sehr einfach zu sein scheinen. Überhaupt scheint ja erstmal alles schwierig zu sein: Deshalb wollen wir zu Anfang nur die Dinge erklären, die jeden Sonntag vorkommen. Inzwischen lernen wir auch einige persische Lieder kennen und vielleicht können wir das sonntägliche Gottesdienstblatt zumindest teilweise in die persische Sprache übersetzen, sodass der Gottesdienst wirklich eine Heimat für die Menschen werden kann. Eine Heimat wird die Kirche dann sein, wenn die Menschen die Erfahrung machen können, dass sie dort bedingungslos angenommen und bedingungslos geliebt werden. Es ist diese Sprache, die über Länder und Kulturen hinweg das vermitteln kann, was Gott uns eigentlich alle immer wieder sagen will. Egal, ob wir Deutsche oder Migranten sind! Wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn eindrucksvoll darstellt, bekommt der verlorene Sohn seine Heimat zurück. Auch, wenn er nicht damit gerechnet hat und es auch gar nicht verdient hat. Wir sind ja alle immer wieder verlorene Kinder und freuen uns, in die Arme des himmlischen Vaters zu dürfen. Und das ist genau die Sprache, die wir finden dürfen, wenn wir so viele Menschen unter uns haben, die heimatlos sind und in manchen Fällen die eigene Familie verloren haben. In der Flüchtlingshalle muss man sich fürchten, weil man nicht weiß, wer da alles miteinander haust. Dort muss man sich verstecken und darf nicht offen davon reden, dass man in die Kirche geht. „Nur so können wir überhaupt mit den Mitbewohnern leben…“ sagt man mir. Deshalb haben wir jetzt auch Gemeindeglieder mit Kopfbedeckung. Ich habe diesen Frauen immer wieder gesagt, dass es unter den Christen keine Sittenpolizei gibt, die auf das Äußere achtet. Hauptsache sie sind erst einmal dabei.

Dennoch wundern sich diese neuen Christen unter uns darüber, dass wir Christen so zurückhaltend mit unserem Glauben sind: Einer wollte zum Beispiel von mir wissen, warum die Flüchtlingshalle, die ja vom Roten Kreuz betrieben wird, dennoch ein islamisches Gebetszimmer hat und überhaupt keinen christlichen Raum, wo man beten kann. Inzwischen haben wir uns alle geeinigt, dass es im Moment nicht ratsam ist, einen christlichen Gebetsraum in den Räumen zu errichten, wo so viele Menschen zusammenleben, von denen wir wissen, dass sie strenge Muslime sind. Vor allen Dingen wissen wir gar nicht, von welcher Gruppierung sie sind. Alles ist da möglich. Wir sind aber trotzdem dankbar, dass die Menschen, die zu uns kommen, bisher keine Repressalien erlebt haben. Die Kinder spielen sogar ganz unbefangen miteinander. Bei denen zumindest scheint die Frage der Religion überhaupt nicht relevant zu sein.

Die Lebensbedingungen in der Halle sind nach wie vor aber schwierig. Viele haben im Moment Grippe und man bekommt jeden Tag nur eine Tablette, wofür man sehr lange warten muss. Überhaupt sind überall lange Warteschlangen. Egal, ob man in die Toilette, in die Dusche oder ins Krankenhaus will. Aber man nimmt sein Los meistens gelassen hin. „Wir merken es ja, wie schwer das ist, 2000 Menschen unterzubringen.“, sagte heute ein Familienvater. Zumindest bekommen einige mittlerweile ein kleines Taschengeld von 32 Euro pro Person pro Woche. Damit können sie dann Gruppenfahrkarten kaufen, um zur Kirche zu fahren, oder mal in die Stadt zu fahren (auch, wenn man dort nichts kaufen kann.)

Von Anfang an war es klar, dass die Messehalle nur vorübergehend Unterkunft sein würde. Jetzt hat man etwa 20 sehr große Container neben der Halle aufgebaut (Foto oben). In Dezember sollen die Menschen dorthin umziehen. Wahrscheinlich werden es dann schon viel mehr als 2000 Menschen sein. Die Container deuten daraufhin, dass man sich auf einen längeren Aufenthalt einstellt. Das bedeutet für uns, dass wir wirklich alles in Bewegung setzen müssen, diese Menschen irgendwie Gelegenheiten zu geben, aus den Räumen herauszukommen. Sie sollen ja wenigstens ein wenig Heimat bei uns erfahren dürfen: Einladungen zu den deutschen Familien, Sport, die wöchentliche Bibelstunde und der Gottesdienst am Sonntag sind einige Möglichkeiten, die wir wirklich im Moment ausschöpfen müssen und könnten. Und jetzt gerade suchen wir dringend Mitarbeiter, die den Kindern einfache deutsche Sprache beibringen können. Selbst, wenn es bedeutet, dass man einen Morgen in der Woche verschenken muss.

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