Lutherische Kirchenmission

Bleckmarer Mission

„Die Brücke“: Flüchtlingskrise ist auch in Leipzig angekommen


Ein Situationsbericht  / von LKM-Missionar Hugo Gevers, Leipzig

  14. September. Während Politiker noch diskutieren, ob Leipzig Drehkreuz für Flüchtlinge wird oder nicht, hat die Realität uns schon längst eingeholt. Letzte Woche kamen über 1000 Flüchtlinge in Leipzig an. Heute sind noch einmal 450 zugereist. Darunter auch einige Perser. Die Stadt kann keine Übersetzer bezahlen. Deshalb sind wir sehr gefragt, uns mit unseren persischen Übersetzern ehrenamtlich zu engagieren. Heute durfte auch ich beim Übersetzen helfen und somit habe ich die Ernst Grube Halle, wo etwa 520 Flüchtlinge untergebracht sind, von innen kennenlernen. Es sind sooo viele Menschen aus allen Nationen: Mann, Frau und Kind sind hier nebeneinander und ohne Trennwand aufeinandergereiht.. „Wie lange kann das noch gut gehen?“ habe ich gedacht. Aber viel Zeit zum Grübeln hatte ich nicht. Ich wurde gleich mit einem persischen Gemeindeglied bei der Kleidungsausgabe delegiert. Und schon reihten sich 5 Kinder vor uns auf. Die Kinder sind ohne Eltern in Deutschland angekommen. Ein Junge aus Afghanistan konnte unser persisch verstehen und so konnten wir einiges mit ihm austauschen. Und es kamen andere…Viele…das Bedürfnis zu reden ist groß. Erstaunlicherweise können einige noch lachen…Andere nicht…Die Heimleitung verbietet streng, dass wir den Leuten christliche Literatur anbieten. Deshalb hat Pfarrer Führer aus der Nathanael Gemeinde angeboten, dass wir die Räume der nahgelegenen Nathanael Gemeinde als Zwischenstation nutzen. Die Perser werden uns dort am Mittwoch treffen. Gleichzeitig werden aber auch andere Nationen eigeladen. Zum Beispiel aus Syrien, Eritrea, Irak und Libanon. Persische Übersetzungen und Übersetzer haben wir. Beim Arabischen wird es schon schwieriger. Einmal stand ich heute neben einem Mann aus Eritrea…Mit ihm war keine mir bekannte Sprache möglich. Es ging wirklich nur noch mit Hand und Fuß. Ich sollte ihm erklären, dass die Kleidungsausgabe für Männer erst morgen stattfindet. Es war eine ziemlich komplizierte Aktion, denn er wollte mir ständig etwas ganz anderes erklären, was ich bis jetzt noch nicht verstanden habe. Das frustriert…Der babylonische Turm bleibt immer noch ein garstiger Graben, der uns Menschen trennt. Aber es gibt Brücken und es gibt Brückenbauer. Wie kann man mit Menschen Kontakt aufnehmen, wenn es gar nicht über Sprache geht? Vor dem Heim haben ich einige Ehrenamtliche gesehen, die Schachbretter aufgebaut hatten. Ja, Schach ist auch eine Art universale Sprache und die Regeln sind, glaube ich zumindest, international die gleichen. Und natürlich findet der Heilige Geist immer auch Mittel und Wege, wie mit Menschen Kontakt aufzunehmen. Im Asylbewerberheim in Grimma und Borna habe ich manchmal mit kleinen Bastelarbeiten, die Botschaft des Evangeliums vermittelt. Und dann bin ich auf ein Unterrichtsmodel gestoßen, dass die biblische Botschaft sehr gut mit Figuren und Aktionen vermittelt. Dieselbe heißt „Godly Play“. Mit Figuren und Aktionen wird die biblische Geschichte zwar erzählt, aber die Zuhörer- Zuschauer werden ermutigt über das Auge in die Geschichte einzusteigen. Die Methode passt ganz genau. Denn die Geschichte strahlt aus den Aktionen hervor. Hinterher kann man den Menschen auch die Bibelstelle in ihrer eigenen Sprache vorlesen lassen. Die Methode passt ganz genau zu unserer aktuellen Situation hier in Leipzig. Denn so kann man auch über die biblische Geschichte Sprache lernen. Diese Art und Weise biblische Geschichte zu erzählen, passt auch ganz genau zu unserer Kinderarbeit in Volkmarsdorf. Insofern wird die Aktion durchaus für ein breites Publikum nutzbar gemacht. Das breite Publikum haben wir also..nun fehlen uns nur noch die breiten Schultern, die das alles mit Rat und Tat unterstützen…

19. September 2015.  Dass wir in einer Krise sind, bestätigen die Ereignisse der letzten Woche: Ein Sonderzug aus München ist unterwegs nach Leipzig. Über 500 Asylbewerber sind an Bord. Kurz vor Leipzig wird der Zug nach Berlin umgeleitet. IN Leipzig ist kein Platz für noch mehr Menschen. Heute habe ich mich auch bei der Messehalle in Leipzig gemeldet. Dort leben derzeit 750 Menschen. Mein Angebot Farsi zu übersetzen wurde dankbar angenommen. „Wir brauchen Sie nicht morgen, sondern heute. Allerdings fehlt der Papierkram. Sie müssen verstehen, ich bin erst seit zwei Tagen hier!“ sagt die Chefin. Also morgen kommt der zweite Versuch. Zwei unserer Übersetzer können Farsi und Kurdisch. Beides Sprachen, die im Moment sehr zu kurz kommen. Auch andere Gemeindeglieder melden sich und wollen nun mit Hilfsarbeiten aktiv werden.

In dieser Woche hatten wir ein gemeinsames Treffen mit Pfarrer Führer, dessen Gemeinde einen Katzensprung von der Ernst Grube Halle ist. Ich konnte die Bibelstunde, die wir gemeinsam hielten, auf Farsi ansagen. Ein sehr netter arabischer Übersetzer kam dazu und verkündigte witzig, dass solche Bibelstunden kostenlos sind: „Man bezahlt weder mit dem Leben noch mit seinem Geld!“ Und dann kamen sie. 30 Menschen aus arabischen Ländern und etwa 20 dessen Muttersprache Farsi ist. Es wurden Bibeln und Literatur verteilt. Ein fröhliches Kennenlernen und Gebet mit Glaubensbekenntnis in drei Sprachen. Morgen ist Sonntag. Und wir hoffen, dass einige sich auch zu uns in die Lukaskirche finden. Inzwischen sind einige auch in unserem Deutschkurs gelandet. Unsere Ehrenamtliche, die Studentin Clarissa Thiem, ist schon mehr als zwei Jahre dabei und macht das alles aus lauter Liebe und Gnade. Jetzt wird sie mehr denn je gefordert. Betet für sie, dass sie diese wichtige Arbeit fröhlich weitermachen kann. Auch für uns, damit wir eine geistliche Begegnungsstätte in Nähe der Heime gründen können. Und wenn es nicht solch eine Stätte ist, in jedem Fall eine Begegnung mit dem Vater unseres Herrn Jesu Christi, der der rechte Vater ist über alles, was im Himmel und auf der Erde ist. Herr erbarme dich! Kyrie eleison!

Spenden für diese Arbeit bitte unter dem Stichwort „Leipzig Flüchtlinge“ auf das Konto der LKM

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