Schweigen und Hören, Rückblick und Ausblick - Symposium zum Thema „Mission und Apartheid“ an der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel

10./11. November 2011 / lkm (Ein Bericht von Christoph Barnbrock)


Still – außergewöhnlich still – war es im Großen Hörsaal der Lutherischen Theologischen Hochschule (LThH) in Oberursel, als Referenten aus verschiedenen Bereichen ihre Beobachtungen zum Thema „Mission und Apartheid“ vortrugen: Deutsche und Afrikaner, Menschen, die unter dem Unrechtssystem der Apartheid gelitten haben, andere, die – bewusst oder unbewusst – gewisse Vorteile genossen haben, mittelbar und unmittelbar Betroffene. Und immer wieder diese Stille, dieses aufmerksame Schweigen und Zuhören, das erkennbare Bemühen, den anderen mit seinem Blick auf die Dinge wahrzunehmen und ernst zu nehmen – und dies, obwohl mancher Referent bzw. Zuhörer persönlich oder familiär betroffen war. Dieses hörende, schweigende Ringen um gegenseitiges Verständnis habe ich als beeindruckendste Erfahrung vom Symposium mitgenommen.
Worum ging es inhaltlich? – Bischof em. David Tswaedi, D.D. (Lutheran Church of Southern Africa | LCSA) arbeitete heraus, welche konkreten Folgen die Apartheid für seine Kirche gehabt hat. Pfarrer Dieter Schnackenberg (Freie Evangelisch-Lutherische Synode in Südafrika | FELSiSA) führte ein in das Werden seiner Kirche, stellte auch falsche Weichenstellungen heraus und beschrieb, vor welchen Herausforderungen seine Kirche für die Zukunft (gerade auch mit Blick auf die Aufarbeitung der eigenen Geschichte) steht. Pfarrer Radikobo Ntsimane (LCSA | Universität von KwaZulu - Natal) erläuterte am Beispiel des missionsgestützten Gesundheitswesens, wie unterschiedlich die Zugänge vonseiten der Missionare zum afrikanischen Kontext gewesen sind.
Eine Außensicht präsentierte am zweiten Tag Dr. Caroline Jeannerat (Universität von Johannesburg) mit Blick auf die Evangelical Lutheran Church in South Africa (ELCSA) und deren Bemühungen um die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen jüngeren Kirchengeschichte: „Wer darf seine Geschichte und seine Geschichten erzählen? Welche Geschichtsdeutung dominiert? Was wird gehört und was wird überhört?“, waren Fragen, die sie stellte. Pfarrer Dieter Schütte (zuletzt Südafrikareferent des Evangelisch-Lutherischen Missionswerks [ELM]), der als Missionar des ELM selbst zur Zeit der Apartheid in Südafrika lebte und arbeitete, berichtete anschaulich von den Herausforderungen, von Versuchen, Zeichen gegen das Unrechtsregime zu setzen, aber auch von Scheitern und Versagen der Kirche. Prof. em. Dr. Volker Stolle, einst selbst Direktor der Lutherischen Kirchenmission (Bleckmarer Mission | LKM), beschrieb die verschiedenen Ansätze im Raum der LKM und der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), sich gegenüber dem Apartheidssystem zu verhalten: die einen mit kritischer und energischer Stimme, die anderen zurückhaltend, vorsichtig, in Sorge, politische Partei zu werden. Als Pfarrer Dr. Daniel Mattson (The Lutheran Church Missouri-Synod | LC-MS) das Rednerpult betrat, wurde endgültig deutlich, dass es sich bei der Frage nach der Rolle von Mission und Kirche zur Zeit der Apartheid weder um ein innersüdafrikanisches noch um ein deutsch-südafrikanisches Problem gehandelt hat. Sondern jede Kirche, die sich in Südafrika engagiert hat, ist auf ihre Weise – mehr oder weniger unheilvoll – in die gesellschaftlichen Zusammenhänge verstrickt gewesen.
Doch der Blick blieb nicht nur auf das Vergangene gerichtet, sondern in seinem Abschlussreferat wandte Prof. Dr. Werner Klän (LThH) den Blick nach vorn und beschrieb detailliert einen geplanten Aufarbeitungsprozess der leidvollen und schuldbehafteten jüngeren Kirchengeschichte in Südafrika durch eine Gemeinsame Kommission von Vertretern aus LCSA, FELSiSA und LKM/SELK. Bis 2017, so der Plan, solle durch eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung die Grundlage für eine gemeinsame Erklärung gelegt sein. Dass das Schreiben des damaligen Missionsdirektors Markus Nietzke aus dem Jahr 2009 mit dem Schuldeingeständnis vonseiten der LKM einen ersten wichtigen Schritt auf dem gemeinsamen Weg dargestellt hat, kam im Rahmen des Symposiums deutlich in den Blick.
Schließlich fügte es sich gut ein, dass im Rahmen des Symposiums ein Sammelband mit Aufsätzen des früheren Missionsdirektors Friedrich Wilhelm Hopf, einem engagierten Kritiker des Apartheidregimes, („Kritische Standpunkte“, hg. v. Markus Büttner und Werner Klän beim Verlag „Edition Ruprecht“) der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Dessen 100. Geburtstag im vergangenen Jahr hatte mit den Anstoß für die Organisation des Symposiums gegeben.
Nach dieser Veranstaltung muss es nicht beim Hören und Schweigen bleiben. Sondern manches ist nun eben auch rückblickend nachzulesen. Anderes muss noch forschend ans Tageslicht gebracht und bearbeitet werden. Das von Prof. Dr. Gilberto da Silva und Prof. Dr. Werner Klän (beide LThH) initiierte und vorbereitete Symposium war ein wertvoller Schritt auf diesem Weg.

Der Autor ist Professor an der Lutherischen Theologischen Hochschule.

(Foto: Gilberto da Silva)